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Die Lebensweise des Karpfens

Einiges über die die Lebensweise des Karpfens haben wir schon auf anderen Seiten beschrieben. Wir wollen nun versuchen, ein „Charakterbild“ des Karpfen zu zeichnen.

Seiner „Veranlagung“ nach gehört er zu den langsamen Fischen. Bei Laborversuchen wurde in Gefäßen, die in kreisenden Bewegungen versetzt wurden, eine Stundengeschwindigkeit von 12km ermittelt. In einem künstlichen Strömungskanal wurde festgestellt, dass der Karpfen sich bei einer Fließgeschwindigkeit von 1,4km/h noch halten kann, ohne abgetrieben zu werden. Interessant ist die Mitteilung, dass ein markierter Karpfen im Bodensee etwa die 25km lange Strecke Langenargen-Meersburg an einem Tag zurückgelegt hatte (im allgemeinen schwimmen Fisch keine langen Wanderungen).

Für uns Angler sind diese Ermittlungen von geringer praktischer Bedeutung. Wir wissen, dass fliehende oder gedrillte Karpfen überraschende Geschwindigkeiten erreiche können, und zwar gewissermaßen „aus dem Stand heraus“. Angetrieben von der kräftigen, seitlich hin und her schlagenden Schwanzflosse wir der Fischkörper vorwärts getrieben. Bei der ersten rasanten Flucht nach dem Anhieb kann der gehakte Fisch 30, 40 und mehr Meter Schnur von der Rolle nehmen. Die Ausdauer oder, besser gesagt, die Länge des Drills hängt im wesentlichen von der Aktion der Rute und der Geschicklichkeit des Anglers ab. Es kommt vor, dass ein zufällig an feinem Zeug und weicher Rute gehakter Karpfen besserer Gewichtsklasse erst nach einem Drill aufgibt, der 45 Minuten und länger gedauert hat.

Man hat unserem Fisch die verschiedensten Eigenschaften zugeschrieben. Er sei genügsam, verträglich unter Artgenossen, träge, faul, phlegmatisch, scheu, schlau, gierig, wählerisch. Solche allzu vermenschlichenden Charakterisierungen für Tiere (gleich welcher Art) sind nur bedingt brauchbar, zumal sich sich teilweise widersprechen. Aber gerade Widersprüchliches, kann unter Umständen der Wahrheit nahe kommen, denn der Karpfen ist ein eigenwilliger, letzten Endes unberechenbarer Fisch.

Die Lebensweise des Karpfens

Er ist meist sehr scheu und misstrauisch, dann wieder, ausnahmsweise, fast plump vertraulich, etwa wenn er regelmäßig gefüttert wird.

Der Karpfen ist ein Fisch mit bemerkenswerten Eigenschaften. So hat sich der Angler zum Beispiel mit seiner Scheu auseinanderzusetzen.

Er ist ein Gewohnheitstier, das seine „Wechsel“ und Fresszeiten fast pedantisch einzuhalten pflegt, und dann macht er plötzlich etwas Unvorhergesehenes, fast Absurdes. er kann minutenlang einen Köder mit den wulstigen Lippen betasten, kurz ins Maul nehmen, wieder ausspucken (ausblasen), vor sich herstoßen, liegen lassen und verschwinden, dann sogar zurückkehren, sich erneut mit ihm befassen und ihn endgültig nehmen – oder auch nicht.

Der Karpfen testet misstrauisch das Futter

So kann das Angeln auf ihn ungewöhnlich aufregend sein, aber auch die Geduld des Anglers extrem strapazieren.

Er nimmt ein schwimmendes Brotstück völlig unbekümmert oder – er ergreift die Flucht vor ihm (oder vielleicht vor dem Vorfach?). Er lässt den Köder los, wenn er den geringsten Widerstand spürt, aber ich habe auch schon den Fang von Karpfen an unglaublich primitivem Zeug erlebt (in den 1980-er Jahren beispielsweise auf der Ferieninsel Gran Canaria). Mal ist die Angelstelle nach einem Drill für Stunden verdorben, weil alle in der Nähe vorhandenen Karpfen die Flucht ergriffen haben; mal fängt man an der gleichen Stelle zwei oder drei Karpfen innerhalb kurzer Zeit.

Mal nimmt er die Köder an der Oberfläche, dann, wenn auch selten, in mittlerer Wassertiefe und schließlich -bevorzugt – auf dem Grund.


Sicher ist dies widerspruchsvolle Verhalten teilweise auf Fehler und Unachtsamkeiten des Anglers zurückzuführen: Er zeigt sich etwa deckungslos als dunkel gegen den hellen Himmel sich abzeichnende Silhouette, er verwendet einen Köder, dessen Geruch den Karpfen abstößt; er beunruhigt den Angelplatz durch allzu häufiges Nachsehen und Überprüfen des Köders, er blinkt beim Nachtfischen auf die Wasseroberfläche, er rammt mit heftigen Schlägen den Rutenhalter in die Erde; er lotet unmittelbar vor dem Fischen die Wassertiefe allzu gründlich aus; – es gibt ja fast keinen Fehler, den man, zum mindesten als Anfänger, nicht machen kann!

Der Karpfen ist unberechenbar

Das unberechenbare Verhalten des Fisches ist ein Grund, weshalb man manchmal Beobachtungen und Empfehlungen in Fachbüchern nur mit Kopfschütteln lesen kann, weil sie den eigenen Erfahrungen strikt widersprechen. Am besten ziehen wir daraus die Konsequenz: Aus eigenen Erfahrungen zu lernen, ist der sicherste Weg zum Erfolg.

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